{"id":732,"date":"2010-05-01T18:03:19","date_gmt":"2010-05-01T16:03:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.xaeron.de\/?p=732"},"modified":"2010-05-02T18:45:01","modified_gmt":"2010-05-02T16:45:01","slug":"das-internet-denn-sie-wussten-nicht-was-das-bedeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.xaeron.de\/?p=732","title":{"rendered":"Das Internet: Denn sie wussten nicht, was das bedeutet"},"content":{"rendered":"<p>333 bis Issos Keilerei. Die Information von dort in die Hauptstadt brauchte Tage. Dann kam der Telegraph, das Telefon und dann ich, irgendwann im Herbst 1994: Stolz wie Harry stelle ich mit einem 2400-Baud-Modem meine erste Onlineverbindung her. Es war eine zu einer Mailbox. Im Fr\u00fchling 1995 dann mittels des BTX-Zugangs die erste WWW-Verbindung und nat\u00fcrlich habe ich den Netscape Navigator als ersten Browser verwendet. Danach entwickelte sich alles rasend schnell weiter.<\/p>\n<p>Es ist die Zeit der ersten Webseiten, wie z.B. der SPIEGEL, der seine erste Webseite Ende 1994 liveschaltet. Wenn ich mich recht erinnere, wurde sie \u00a0einmal pro Woche aktualisiert. Ich stehe vor zwei Bankmitarbeitern, weil ich am BTX-Banking teilnehmen m\u00f6chte und sie m\u00fcssen zweimal telefonieren, bis ihnen jemand anderes sagt, wie man die Antragsformulare auszuf\u00fcllen hat. Ich konnte f\u00fcr meine Mutter bei Quelle Dinge bestellen und ihr auch gleich sagen, ob der Artikel lieferbar ist, ohne dort anzurufen oder die ber\u00fchmten Bestellkarten abzuschicken und dann zu warten, wann und welche Ware geliefert wird. Ich gebe die Bestellung oder die \u00dcberweisungsdaten ein und bekomme sofort eine R\u00fcckmeldung, unabh\u00e4ngig von Uhrzeit oder Ort.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Heute: Die Webseite vom SPIEGEL wurde in 2008 im Monatsdurchschnitt rund 90.000.000 mal (90 Millionen) besucht, Quelle ist pleite und meine Bank habe ich seit Jahren nicht mehr von innen gesehen. Damals sprachen viele Marketingmitarbeiter davon, dass das Internet &#8222;halt ein weiterer, neuer Vertriebskanal&#8220; w\u00e4re. Leider haben sie \u00fcbersehen, dass ihnen das Internet ihr eigenes Brot-und-Butter-Gesch\u00e4ft unter den Fingern weggerissen hat. Im Bezug auf Quelle: W\u00e4hrend die Politik noch die Quelle-Pleite verdaute, freute sich Amazon \u00fcber ein bombastisches Weihnachtsgesch\u00e4ft und verzeichnete am Spitzentag 14.12.2009 mehr als 1.700.000 (1,7 Mio) bestellte Artikel. Und vor allem: &#8222;Das letzte von einem Amazon Prime-Mitglied bestellte Produkt \u2013 ein Paar Creative EP 630 ECO In-Ear Ohrh\u00f6rer &#8211; wurde am 23. Dezember um 18.18 Uhr bestellt und am 24. Dezember um 9.52 Uhr ausgeliefert.&#8220; . So ist der Stand der Dinge &#8211; heute will keiner papierhafte Kataloge w\u00e4lzen oder eine \u00dcberweisung mit der Hand ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Warenbestellungen, die meine Oma noch per Bestellkarte angestossen h\u00e4tte, erledige ich heute in der S-Bahn sitzend online bei Amazon. In New York legt ein Flugzeug eine Bruchlandung auf dem Hudson hin und ich bekomme \u00fcber Twitter die ersten Bilder ungef\u00e4hr 20 Minuten nach dem Vorfall. Mein Bruder sagt mir wenig sp\u00e4ter am Telefon, er h\u00e4tte den Anteil f\u00fcr ein Geschenk tags zuvor \u00fcberwiesen und noch w\u00e4hrend ich mit ihm telefoniere rufe ich die aktuellen Umsatzdaten meines Bankkontos ab und kann den Geldeingang best\u00e4tigen. Zu Hause angekommen schaue ich mir das erste Video zur Bruchlandung auf SPIEGEL an.<\/p>\n<p>Doch was bedeutet das?\u00a0Die Geschwindigkeit und die Verf\u00fcgbarkeit von Informationen haben sich drastisch erh\u00f6ht. Das althergebrachte Herrschaftsrecht von Institutionen wie z.B. Banken, H\u00e4ndlern aber auch Verlagen ist gebrochen. Niemand braucht heute eine Bank vor Ort oder ein Zeitungsabo. Ich behaupte einen Gro\u00dfteil des urspr\u00fcnglichen Nutzens bekommt man heute online ohne Geld auszugeben. Doch die Reaktionen auf diese Ver\u00e4nderung sind so vielf\u00e4ltig wie fragw\u00fcrdig. Bei Banken f\u00fchrte es dazu, dass ein gro\u00dfer Teil von Ihnen die Ans\u00e4tze von Direktbanken kopierten und jetzt versuchen m\u00fcssen, ihre Mehrkosten mit einem\u00a0irgendeinem Serviceversprechen zu begr\u00fcnden. Verlage liegen seit langer Zeit mit Google hinsichtlich des Urheberrechts im Clinch, so als k\u00f6nnten sie den Wandel aufhalten. Apotheken versuchen verzweifelt den Online-Versandhandel auszubremsen, machen aber selbst zusehends Online-Apotheken auf. Und die Musikindustrie muss auch einfach mal einsehen, dass sie es vers\u00e4umt hat, auf den Zug aufzuspringen. Statt fr\u00fchzeitig einen Markt zu besetzen, mu\u00dfte sie zusehen, wie ein Computerbauer (Apple) zu einem der gr\u00f6\u00dften Musikh\u00e4ndler der Welt wurde und nun ordentlich Geld aus dem Musikverkauf abzweigt.<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Industrie hat hier Chancen und neue M\u00e4rkte verschlafen, die Politik tat es ihr gleich. Ob Politiker auf wahlpolitischen Kundgebungen einfach mal einem Flashmob aufsitzen oder doch ganz perplex sind, dass ausl\u00e4nderfeindliche Tiraden auf einem lokalen Markplatz auf einmal bei Youtube auftauchen, das Verhalten wirkt ungelenk und von Mitarbeiterst\u00e4ben gepflegte Socialmedia-Profile wirken eher abschreckender als einladend. Davon ganz abgesehen hat es die Politik in den vergangenen 15 Jahren einfach nicht geschafft \u00fcberzeugende Verwendung f\u00fcr das Internet zu finden. Die Rede ist immer von &#8222;Leuchtturmprojekten&#8220;; aber mal ganz ehrlich, wenn die Bundesregierung am 13. September 2006 das Programm E-Government 2.0 startet und noch immer verk\u00fcndet, welche Teilthemen in 2010 in Angriff genommen werden SOLLEN(!), dann hat die Politik in keiner Weise begriffen, wie schnell sich die technische Welt weiterentwickelt.<\/p>\n<p>Daneben wirkt die politische Kaste dieses Landes im Spannungsfeld zwischen Moral und Strafverfolgung wie ein Ford T in einem Formel1-Rennen. Wer die tolle Formel &#8222;Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein&#8220; heute tats\u00e4chlich \u00e4u\u00dfert, disqualifiziert sich gleich selbst. Beispiel 1: Kinderpornografie. W\u00e4hrend die Politik in der guten alten Wenn-alle-weggucken-gibts-auch-keinen-Kindermissbrauch-Manier irgendwelche Sandkasten-Internetfilter installieren will, schaffen es Banken komischerweise Fishing- und Skimmingseiten binnen Stunden weltweit l\u00f6schen zu lassen. Warum gelingt das unserem Staat nicht mit kinderpornografischen Seiten, zumal mindestens ein Drittel der illegalen Kinderpornos auf deutschen Servern liegt?<\/p>\n<p>Beispiel 2: \u00d6ffentlicher Aufschrei als Google das Projekt Streetview in Deutschland f\u00fcr das Jahresende 2010 ank\u00fcndigt. Missbrauch, nicht mit unseren Daten! Die deutsche Politik hatte mehr als zwei Jahre Zeit, sich hier zu positionieren. Seither war bekannt, was und wann Google in Deutschland erfassen und als Projekt starten wollte. Was geschah? Nichts. Noch peinlicher wurde es, als man sich eingestehen musste, dass die von Google verwendete Kartierung von W-Lan-Spots ja auch im Rahmen staatlich gef\u00f6rderter Forschungsprojekte erfolgte. Statt also hier proaktiv den Faden aufzunehmen, versuchen sachlich unwissende Politiker wieder mal den Lauf der Zeit aufzuhalten. Man k\u00f6nnte ja im Rahmen von Google Streetview allen B\u00fcrgern einfach die M\u00f6glichkeit an die Hand geben, dem Staat wichtige Informationen zukommen zu lassen. Zum Beispiel eine Stra\u00dfenlaterne als defekt zu markieren, auf kaputte Stra\u00dfen hinzuweisen oder \u00c4hnliches.<\/p>\n<p>Irgendwie alles sehr schade, denn viele Dinge k\u00f6nnten heute schon besser, schneller und kosteng\u00fcnstiger laufen. Ein Blick \u00fcber den Tellerrand der deutschen Grenzen ist da immer ganz hilfreich. Eine Weisheit gilt aber auch hier an dieser Stelle:<br \/>\nWer etwas will, findet Wege; wer etwas nicht will, findet Ausreden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>333 bis Issos Keilerei. Die Information von dort in die Hauptstadt brauchte Tage. Dann kam der Telegraph, das Telefon und dann ich, irgendwann im Herbst 1994: Stolz wie Harry stelle ich mit einem 2400-Baud-Modem meine erste Onlineverbindung her. Es war eine zu einer Mailbox. 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